Aufstieg ins Licht

Hildegard Peetz hat Erfahrung mit schwierigen Räumen. Das heißt mit solchen, in denen es Rücksicht zu nehmen gilt auf Vorgaben der Architektur und der Funktion, auf Einrichtungsgegenstände, die man lieber entfernen möchte, aber aus irgendwelchen Gründen nicht kann, auf Accessoirs wie verchromte Papierkörbe, selbstgefällig sich in Szene setzende Thermostate und andere vorlaute Requisiten, auf Konzertflügel, Bestuhlung und Deckengemälde. All dies kann freilich auch eine Herausforderung zum Dialog sein, muß jedenfalls berücksichtigt werden wie insbesondere der Bezug zu den Arbeiten der mitausstellenden Kollegin.

Hildegard Peetz ist nicht primär eine Installationskünstlerin in dem Sinne, daß der Raum und Details wie die erwähnten die Ausgangspunkte ihres Schaffens wären. Nein - dieses selbst, entwickelt aus dem Umgang mit bestimmten Materialien, Gegenständen, Formvorstellungen und inhaltlichen, aus der intensiven Beschäftigung mit Kulten und Mythen erwachsenen Überlegungen, bildet eine Welt für sich, die nun mit dem Vorgefundenen in Einklang oder in ein Spannungsverhältnis gebracht werden muß. Zwar gilt solches mehr oder weniger für jede künstlerische Tätigkeit, aber es sollte mit diesem Hinweis betont werden, daß die Arbeiten von Hildegard Peetz nicht in erster Linie Elemente einer Auseinandersetzung mit einem bestimmten Raum sind, die losgelöst von diesem ihre Daseinsberechtigung verlieren würden, sondern daß es sich zum größeren Teil um autonome Objekte handelt, die freilich variabel adaptierbar sind und denen in unterschiedlichen Zusammenhängen durchaus verschiedenartige Bedeutungsnuancen zuwachsen können.

So kreuzen sich die Koordinaten der Werkentwicklung und der aktuellen Gegebenheiten der Präsentation. Die Schwetzinger Situation erfordert Zurückhaltung. Viel ist schon da, weniger wird daher mehr sein. Gut, daß sich die Künstlerin auf drei Arbeiten beschränkt hat. Sie kommunizieren miteinander, aber auch mit dem Raum und den mitausgestellten Bildern und Objekten. Im Eingangsbereich nimmt ein Feld weißer Haushaltskerzen Strukturen der Fußbodenrasterung auf. Die Batterie der gleichgerichteten schlanken Kerzenkörper mit der Rhythmik ihrer gereihten Dochte hat etwas Kraftvolles, Dynamisches, nicht nur - aber auch -, weil der Betrachter die Möglichkeit des Anzündens, der Funktion, des energetischen Potentials unwillkürlich mitdenkt. Eine geballte, freilich gehaltene, gezügelte Ladung Energie steht am Anfang des von der Künstlerin gewiesenen Weges.

Das Thema ist angeschlagen, die Variationen erklingen ein Stockwerk höher. Das Motiv des Aufstiegs wird aufgegriffen von einer „Himmelstreppe“, die nirgendwo hinführt. Die progressive Verkürzung ihrer nicht betretbaren Stufen erzeugt einen perspektivischen Sog, der von der „Geruchsspur“ noch verstärkt wird, die durch das „Einbalsamieren“ der Stufen mit reinem Bienenwachs gelegt wurde. Auf das einfache, helle Birkensperrholz aufgebügelt zeigt sich die organische Materie als Substanz von eisblumenartig kristalliner Kostbarkeit. Dem strengen Raster des Kerzenfeldes im Erdgeschoß entspricht im Hauptgeschoß die konstruktive Struktur der Treppe, doch der Horizontalen antwortet nun die Vertikale, und das kalte, geruchlose Weiß des Paraffin wurde durch das duftende Gelb des Naturproduktes ersetzt.

Seit geraumer Zeit bezieht Hildegard Peetz den Geruchssinn - den in der Kunst eher vernachlässigten, dabei zweifellos ältesten, in vielfacher Hinsicht elementarsten und am höchsten entwickelten Sinn des Menschen - in ihr Gestaltungssystem ein. Lockung und Abwehr, Sympathie und Antpathie verkörpern sich in Gerüchen, auch wenn wir nicht, wie manche Falter, in der Lage sind, den idealen Partner über Hunderte von Kilometern hinweg auf diese Weise ausfindig zu machen. Gleichwohl: Geruch und Geschmack sind eng mit einander verwandt. Verheißung aus der Ferne verspricht Erfüllung, Genuß in der Nähe.

Honiggelber Duft leitet zu den luftigen, „gotisch“ decolletierten Hemdchen aus wachsgetränktem Haushaltspapier. Brokathaft kostbar, durch das Wachs versteift, schimmern die in ihrer Schlichtheit bezaubernden Kreationen, lassen vergessen, daß sie aus simplem Wegwerfmaterial gefertigt sind - Kunst der Verwandlung, Aschenbrödel wird Königin. Man muß nicht wissen, daß diese Hemdchen bereits einen Auftritt als Engelssymbole hinter sich haben, aber es fällt nicht schwer, sich dies vorzustellen.

Licht breitet sich aus, eine schwerelos heitere, festliche Stimmung. Dies ist nicht das böse, gallige Gelb des Verrats, des Neids, der unversehens wieder aktuell gewordenen Diskriminierung. Vielmehr kommen Gedanken auf an Wärme und Sommer, an Sonne und reifende Kornfelder, an Fülle und Leben, an den Goldglanz mittelalterlicher und barocker Altäre. Archetypische Symbole - Jakobsleiter, Engelchöre - korrespondieren mit kultischer Reihung - ein Prinzip, das alle drei Arbeiten miteinander verbindet. Drei: Die Zahl der Vollendung, aber auch andere „heilige“ Zahlen strukturieren das Ganze. Wir zählen 3x3 Kerzenreihen, die Hemdchen haben die Maße 90 x 30 cm, die Länge der 9 Treppenstufen nimmt jeweils um 7 cm ab, die Breite der Trittflächen um 2, die Stufenhöhe hingegen bleibt mit 36 (2x2x3x3) cm konstant.

Die für die Schwetzinger Arbeit kennzeichnende Komplexität resultiert aus der Stringenz ihrer Einfachheit. Die ohne Pathos gegebenen Hinweise überzeugen, wie bei allen bedeutsamen Zeichen, durch die Kraftgnanz ihrer Schlichtheit.

Heidelberg, im Mai 2001
Hans Gercke

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